Berichte

Miriam Gellert, 22.09.2012

In nicht einmal einer Woche verlasse ich Kenia und das Wissen, dass ich all die Kinder in der Schule zurücklassen muss, belastet mich bereits jetzt jede einzelne Minute. Vor einigen Wochen hatten wir "health day", bei dem eine Ärztin in unsere Schule kam und alle Kinder untersucht hat. Später meinte sie, sie sei noch nie in einer so kranken Schule gewesen- ein einziges Kind von uns ist wirklich gesund. Wir haben einen Epileptiker, viele Fälle von Asthma, viele Kinder mit Parasiten (unter anderem ein Kind, das "Schlangen sieht", da es Parasiten in den Augen hat) und viele Kinder hatten bereits Malaria. Fast alle Kinder haben extremen Eisenmangel, weswegen sie manchmal einfach im Unterricht einschlafen. Wir haben versucht, ihnen so viel Medizin wie möglich zu geben, allerdings haben unsere Mittel bei Weitem nicht ausgereicht. Dieser Tag war für mich persönlich der Schlimmste, da ich nun die Kinder mit anderen Augen sehe- ich weiß jetzt, dass sie jeden Tag krank in die Schule kommen. Letzte Woche haben mir die Kinder aus meiner Klasse (ich unterrichte Klasse 2) das Bein einer Mitschülerin gezeigt, das eine Wunde hat und um die Wunde herum komplett schwarz geworden ist. Ich werde das Kind morgen ins Krankenhaus bringen und die Rechnung übernehmen, da sie mir erzählt hat, dass ihre Mutter sich das nicht leisten kann. Die Kinder leiden jeden Tag unter Hunger und Schmerzen und zeigen nichts davon. Die einzige Mahlzeit die sie bekommen, erhalten sie durch das feeding program an der Schule, das eine andere Praktikantin eingerichtet hat. Jeden Tag bekommen sie Mittagessen und eine Banane- und davon bieten sie mir jeden Tag die Hälfte an. Es ist unglaublich zu sehen, wie gutherzig diese Kinder sind. Umso mehr tut es mir weh zu wissen, dass man nicht allen von ihnen helfen kann. Wir haben viel in der Schule verbessert und ich bin mir sicher, dass sie dort eine gute Ausbildung bekommen. Allerdings haben die Kinder niemanden, der ihnen die Studiengebühren bezahlen kann oder auch nur die Gebühren für eine weiterführende Schule. Ich denke, dass die Kinder das auch wissen- davon lassen sie sich allerdings nicht entmutigen. Als wir die Kinder gefragt haben, was sie später werden wollen, haben uns alle Berufe aufgezählt wie Arzt oder Anwalt. Ich weiß dass sie darauf vertrauen, dass wir ihnen jede mögliche Hilfe zukommen lassen und ich weiß auch, dass wir unser Bestes dafür geben werden. Die Schule hat nur 2 Räume, in denen die Klassenzimmer mit Reissäcken abgetrennt sind, die von der Decke hängen. Die meisten Kinder sitzen auf dem Boden und schreiben auf dem Rücken des Kindes, das neben ihnen sitzt, da es nicht genug Tische und Bänke gibt. Meistens muss ich meiner Klasse Stifte leihen, da sie so winzig kleine Bleistiftstummel haben, dass sie mit ihnen überhaupt nicht mehr schreiben können. All diese Bedingungen können unsere Kinder allerdings nicht davon abhalten, die offenherzigsten und ehrlichsten Kinder zu sein, die ich jemals gesehen habe. Ich habe noch nie Kinder erlebt, die sich stundenlang darüber freuen können, dass sie meine Tasche tragen dürfen wenn sie mich darum bitten- und die die Tasche nicht mal öffnen, wenn sie genau wissen, dass da Süßigkeiten für sie drin sind oder ein teures Handy... Als wir mit den Älteren über Hygiene und Aufklärung gesprochen haben, habe ich jedem Mädchen eine Binde gegeben um ihnen zu zeigen, was das ist- die Mädchen haben mich umarmt und sich bedankt, weil sie sich das nie leisten können. Normalerweise sitzen sie eine Woche zuhause und bluten ihre Klamotten voll. Solche Momente können einen sehr schockieren, allerdings versuchen wir solche Erlebnisse zu überwinden und weiter für unsere Ziele zu kämpfen. Niemand hilft uns dabei mehr als die Kinder selbst. Ich habe viele von ihnen besucht und gesehen, unter welchen Bedingungen sie leben. Ihre Hütten bestehen aus einem Zimmer mit Tisch, Stühlen und einem Bett, in dem die Eltern schlafen- die Kinder schlafen auf dem Boden. Und dennoch, selbst unter diesen Bedingungen, haben sie mir angeboten für mich zu kochen und haben mich unendlich gastfreundlich aufgenommen. Auch wenn ich Kenia diese Woche verlassen muss, werde ich nie vergessen, was für einmalige Menschen hier darum kämpfen, eine Chance zu bekommen, sich ein besseres Leben zu erarbeiten.

Marco Grassel, 02.05.2013

„Und?! Was hat dir am besten gefallen?“ Kaum eine Frage scheint nach einem sechswöchigen Aufenthalt in einem Land wie Kenia schwieriger zu beantworten zu sein. Und dennoch: mehrere Wochen nach meiner Rückkehr nach Deutschland habe ich für mich persönlich eine Antwort gefunden: „Anzukommen!“ In einem völlig fremden Land, in einer völlig fremden Kultur und unter völlig fremden Menschen – auch wenn es nur für eine kurze Zeit sein sollte. Das Gefühl, kein Tourist mehr zu sein, sondern tatsächlich für eine gewisse Zeit in einem anderen Land zu leben, zu arbeiten, einen Freundeskreis aufzubauen – das war die mit Abstand schönste Sache meines Praktikums. Ich habe von Ende Februar bis Anfang April in Nairobi meine Praktikumsstelle in einer Primary-School im Stadtteil Mathare, dem zweitgrößten kenianischen Slum nach Kibera, angetreten. Mein Tätigkeitsbereich umfasste hierbei das Unterrichten von fünf Schulklassen (vierte bis achte) in verschiedenen Fächern von Englisch, über Mathematik und Science bis hin zu Social Studies. Besonders in Erinnerung werden mir für immer die Kinder bleiben, mit denen ich dort zu tun hatte, ihre Herzlichkeit und Freude, trotz der niederschmetternden Lebensbedingungen im Slum, und die Dankbarkeit, mit der sie meinen Unterricht angenommen haben, auch wenn man dabei oft mit ganz anderen Dingen zu kämpfen hat, als es hier in Deutschland der Fall ist. Die Unterrichtsbedingungen waren unvergleichlich mit dem, was ein mitteleuropäischer Gymnasiast von der Schule kennt: Das einzige Gebäude aus Holz und Wellblech wurde mittig durch eine Trennwand in zwei Hälften geteilt und in diesen beiden Räumen wurden insgesamt acht Klassen unterrichtet, in den einzelnen Raumhälften nur durch Plastikplanen voneinander getrennt. Als Unterrichtsgrundlage dienten Bücher, deren Äußeres jedoch schon dermaßen zerfleddert war, dass sie einem geradewegs in der Hand zerfielen, wenn man nicht richtig aufpasste. Außerdem gab es für jede Klasse in der Regel auch nur ein Exemplar. Im Rahmen meiner eigentlichen Schultätigkeit ist mir ein Ereignis besonders im Gedächtnis geblieben: einmal bin ich mit meiner siebten Klasse (Science) zum Themenbereich „Waterpolution“ an den Mathare-River gewandert, der in direkter Nähe zur Schule das Slumgebiet durchfließt. Nachdem wir am Vortag anhand des Schulbuches verschiedene Arten der Wasserverschmutzung besprochen hatten, wollte ich mit den Schülern nun „naturwissenschaftliche“ Beobachtungen anstellen, die im realen Leben zu finden sind; wir sind dort definitiv fündig geworden: Wasch- und Spülwasser wird direkt aus den angrenzenden Häusern in den Fluss gekippt, überall findet sich Plastikmüll im Fluss und aus allen Seitenstraßen schlängeln sich kleine Rinnsale aus Fäkalienbächlein gen Mathare-River. Hinzu kommt die Schmutzverbreitung durch Nutztiere, die durch all dies hindurchlaufen, ebenso wie die Menschen, die baren Fußes die Flusskloake durchqueren. Ich habe in der Zeit in Nairobi eine unbeschreibliche Erfahrung gemacht, wofür ich mich bei allen bedanken möchte, die dies möglich gemacht haben: durch die Betreuung dort selbst, durch die Unterstützung bei der Vorbereitung, bei denjenigen, die mich finanziell in meinem Museums-Projekt unterstützt haben und all denen, die bei mir waren und mit denen ich nun durch eine tiefe Freundschaft, geprägt durch die gleiche wunderbare Erfahrung, verbunden bin.

Sylvia Hauth, 29.01.2014

Ich bekam eine Chance, die Welt zu erleben, mich zu prüfen; eine Chance, zu helfen. In drei Monaten, habe ich Kenia so gut kennengelernt, dass ich es beinahe nie wieder verlassen wollte. Aber das war eigentlich schon von Anfang an der Fall. Ich, Sylvia, studiere Architektur in Karlsruhe und habe vor meinem Studium schon ein halbes Jahr in Nordghana gelebt. Dort habe ich in einem Waisenhaus gearbeitet und auch in einer Gastfamilie gelebt. Seit ich mein Studium begonnen habe, und das ist auch schon wieder 5 Jahre her, habe ich meinen zukünftigen Beruf mit dem Kontinent Afrika verbinden wollen. Und mit Miriams Projekt habe ich gefunden, was ich gesucht habe. Aufmerksam auf Children of Mathare e.V. bin ich durch eine ehemalige Klassenkameradin geworden, die auch schon Volontärin an der Schule N´Gotas Upendo war. Miriam stellte mir via Facebook den vielleicht besten Buddy der Welt vor, der mich vom Flughafen abholte, in meine Gastfamilie brachte, die er für mich ausgesucht hat und mich in den kommenden Tagen via Whattsapp regelmäßig beratschlagt hat, bis er mach auch in die Slums zu meiner Schule begleitet hat. Was habe ich nun gemacht? Children of Mathare hat durch den Schulbau ein zweites Grundstück in den Slums erworben, um die Schüler über die Bauzeit auszulagern. Dieses Grundstück war bisher mit einem dunklen Lehmbau bebaut und nur eine Übergangslösung. Nun soll dort ein neues Gebäude entstehen, dass die Schule komplettiert. Die habe ich entworfen. Aber ich habe nicht nur das gemacht. Sobald man mal dort ist, findet man so viele Möglichkeiten, sich zu erproben und Lebenserfahrung zu sammeln. Ich habe ein paar Tage in der Woche in der Schule unterrichtet, eine Health Organisation kennengelernt und für die Chefin dort ein Gebäude entworfen, oder Schmuck, der von Frauen aus den Slums hergestellt wird, nach Deutschland gebracht, um ihn dort langfristig in einem Weltladen zu verkaufen. So konnte ich an vielen Ecken ein wenig helfen. Und das macht unfassbar glücklich! Vielen Dank für diese Chance Children of Mathare